Die Oberflächlichkeit genießt einen schlechten Ruf. Eine oberflächliche Betrachtung ist eine  unzureichende Betrachtung. Geschätzt wird der Inhalt, das Wesen, die Tiefe. Danach streben wir: Substanz. Wo mehr Schein als Sein ist, da ist Leere, Flachheit und Einfalt. Da ist Imitation und Unwirklichkeit, denn der Schein verblendet und versteckt das Tatsächliche.

Aber der Schein zeigt auch. Mit ihm zeigen wir. Schein wird gezeigt. Er ist Träger eines Stils, unseres Stils. Unser Schein, unsere Erscheinung sind ein Mittel zur Kommunikation mit unser Umwelt. Und zwar mit jener Umwelt, in der Tiefgang, Gehalt und Fülle keinen Platz haben. In dieser schnell entschwindenden, konstant inkonstanten sozialen Welt des Vorbeigehens, des Sehens und Gesehen-Werdens ist unser scheinende Stil eine Aussage über unseren Standpunkt im sozialen Koordinatensystem. Er ist eine erklärte Identifikation.

Nun unterliegt diese erklärte Identifikation harten Grenzen. Der konstruierte Stil kann sich nur aus den Vorgaben des bereitgestellten Vokabulars bedienen. So ziemlich jede Marke wirbt mit der Individualität ihrer Träger, die diese natürlich nur durch das Tragen derselben erhalten. Selbstverständlich könnte die Sache nicht entgegengesetzter sein. Wer ernsthaft meint, sich mit Marken Individualität erkaufen zu können verfehlt. Gleichzeitig ist unser Empfinden für gut, zeitgemäß und schön eher ein Produkt von allerlei Medien als von unserer eigenen Natur. Unser Stil ist demnach immer Imitation.

Aber es steckt noch mehr dahinter, oder viel eher darinnen. Stil ist oder kann auch ein Spiel sein. Und zwar das Spiel mit den Klischees und Erwartungen. Denn jeder Schein wird mit einem gewissen Sein verbunden. So erwartet man je nach Erscheinung einer Person gewisse Vorlieben in Sachen Musik, Essen, Hobbies, politischen Programmen usw. Der Schein gilt also für uns als Zugang zu, und als erste Züge von etwas Wesentlichem; die Spitze des Eisberges sozusagen. Das Spiel mit diesen erwarteten Wesen ist vor allem ein Spiel mit uns selbst, unserem Selbstbild (und dem Bild das Bekannte, Freunde usw. von uns haben). Ob wir einen Schein generieren der mit diesem Selbstbild übereinstimmt oder eher kollidiert, liegt in unserer Gewalt. So wie es Schiller schon wusste, im Spielen finden wir unsere Freiheit.

Oberflächlichkeit ist Teil unserer Welt und alltäglichen Gegenwart. Doch noch weiter geht ihre Spur. Sie führt uns ins Herz der Ästhetik, der Frage nach Verhältnis zwischen Inhalt und Form. Schönheit ist weder eine Frage des Inhalts allein, noch wird sie allein durch Form bestimmt. Es ist die glückliche Zusammenführung dieser beiden Pole. Die Gewalt über unseren Schein erlaubt uns spielend neue Dimensionen unserer Schönheit sichtbar zu machen; vor uns selbst, vor denen die uns nahe stehen. Und schließlich sieht das doch einfach gut aus oder?

Lange war Stille. Dann war Schall. Jetzt bin ich; wieder hier.

Abwesend war ich, weil Springbreak war. Aber ich war nicht allein. Besuch aus Berlin stand an und aus San Diego. Es ergab sich ein Dreiergespann edler Gemüter und weiser Geister. Auf ging es nach Vancouver; im Zug an der Küste entlang. Der Tag hatte kurz erst begonnen und in der Ferne zogen weiß bedeckt die Olympic Mountains am Horizont entlang.

Vancouver ist eine feine Stadt. In Seattle beschrieb man sie mir als das New York der Westküste. Ganz unbegründet ist das nicht. Vancouver hat eine gewissen Weite und Größe. Unter den Hochhäusern der  Innenstadt erwachen vage Erinnerungen an Manhattan in mir. Ein bisschen anders ist es dann aber doch. New York scheint mehr distinktiven Charakter in seiner Erscheinung zu besitzen. Vancouver dann eher als Gesichtslose Stadt der Moderne; mit tollen Stränden.

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Dann Portland. Im letzten November war die Sache ja eher grau: regnerisch und kalt. Diesmal Sonne, Wärme und eine Stadt in feiner Frühlingsblüte. Wenig bleibt zu sagen. Es war befreiend, entspannend und sehr, sehr lustig. Portland mit seinem vielen Grün, Parks und Bars lädt zur Muße ein. Seit langem mal wieder in einer lauen sommerlichen Nacht ein Bier im Freien…

Wieder in Seattle schien immer noch die Sonne und das Quad erblühte:

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Angefangen hat es mit meinen regelmäßigen Saunabesuchen. So ein überheizter Raum ist wirklich  eine feine Sache. Dort lässt es sich nach ein bisschen Sport gut entspannen, sollte man meinen. Aber nein, die Sauna ist bisher das beste Beispiel dafür, dass sich für unabänderliche Universalien gehaltene Praktiken tatsächlich von Ort zu Ort, von Land zu Land und vor allem von Kontinent zu Kontinent unterscheiden. Die Sauna als Raum der Ruhe und Entspannung: Das ist die Saunauniversalie, die zumindest in Deutschland – vielleicht auch nur in Berlin oder sogar nur auf der Wichertstraße, Wer weiß?, ich bin mit solchen Angaben mittlerweile vorsichtig -uneingeschränkt gilt.

Nun in Amerika sind ja so einige Dinge anders, als in Europa, oder Deutschland, vielleicht auch nur in Berlin oder eben in der Wichertstraße. Die Autos sind größer, die Menschen netter, das English besser, der Kaffee schlechter. Und leider scheint auch die Saunauniversalie hier keine Bedeutung zu haben. Ruhe wird in den geheizten Räumlichkeiten also klein geschrieben. Stattdessen gibt es andere Rituale die sich hier beobachten lassen. Eines davon ist der sogenannte Bro in Reinform. Man kann auch von Broidity oder Broidität sprechen. Im Grunde sind diese Feinheiten auch egal. Alle Begriffe versuchen eine Erscheinung zu erfassen, die man hier aufgrund von zahllosen Fraternities und Sororities leider viel zu oft ertragen muss: den amerikanischen college Bro. Hier soll keine umfassende Charakterisierung des Bro stattfinden. Stattdessen will ich sein Saunaverhalten nachzeichnen, um einen Einblick in sein Wesen zu erlagen. Induktive Methode, versteht sich.

Da sitze ich nun also in der Sauna und ahne nichts böses. Ich lasse meine Gedanken ziellos durch die Gehirngänge wandern, als die Tür aufgeht und nicht nur ein oder zwei, sonder ein ganzes Bro-Quartett  hineinspaziert. “Schöne Scheiße“ geht mir durch den Kopf. Unweit von mir nehmen sie Platz: vier Typen mit aufgepumpten Körpern, Oberarmen so groß wie kleine Ferkel, Schablonenfrisuren und – natürlich, wir sind in Amerika – iphones. Dass die Leute die Dinger selbst in Sauna immer am Mann haben soll hier nur eine interessante Nebensächlichkeit sein. Viel wichtiger für unsere Zwecke ist hier das Wort Mann: Bros sind Männer – und dieser Tatsache sind sie sich bewußt. Das heißt sie sind sich ihr nicht nur bewußt, sondern exerzieren dieses Bewußtsein auch wann immer es möglich ist. Es versteht sich von selbst, dass ein Fitness-Center dazu eine hervorragende Bühne bietet. Ein Bro-Schauspiel in x Akten sozusagen. In ihrer Männlichkeit reden Bros viel über die Gewichte, die sie stemmen können und allerlei anderen, männlichen Kram. Interessant ist nur, das sie in ihrer Männlichkeit Probleme damit zu haben scheinen, voreinander ihre mickrigen Gemächter zu entblößen. Bros gehen mit Shorts in die Sauna.

Aber damit nicht genug. Kaum haben sich die Herrschaften niedergelassen werde ich zwangsbeschallt von billigem weiß gewaschen Chart-Rap. Den Bro-An-Sich scheint das nicht nur in seiner Männlichkeit, sondern auch in seiner Selbstwahrnehmung als Gangster zu bestärken. Wer aber Dunstgestalten wie Xzibit für Gangster hält, scheint es dem nicht an einem Mindestmaß geistiger Eigenständigkeit zu mangeln? Wie bitte soll jemand, der in Fernsehformaten wie Pimp My Ride für MTV gewirkt hat, ernsthaft eine anti-establishment Position vertreten können? Es handelt sich um den entschärften, massentauglichen Rap eines Quoten-Bimbos. So eine Art Gangster ist der Bro-An-Sich.

Ich schließe die Augen und versuche das Gerede des Bro-Quartetts zu ignorieren. Geht nicht. Während ich die Sauna verlasse denke ich mir: “Zu schade, dass die hier kein Aufguss machen.” Und dann fällt es mir wieder ein: In Amerika macht man die Sachen einfach ein bisschen anders.

Ich habe John Lennon getroffen; im Traum. Eine eigenartige Begebenheit: Ich wanderte an einem Strand entlang, unweit einer eher mediterran wirkenden Stadt. Überall lagen Möbel herum und irgendwie habe ich das Gefühl, auch Grundrisse von Häusern dort gesehen zu haben. Ich wanderte dort also so am Wasser entlang, über irgendetwas bedrückendes grübelnd.Dann saß er dort einfach auf einer Couch, sah so aus wie John Lennon halt aussieht und sang Strawberry Fields Forever – einen alternate take. Ich saß einfach daneben und hab mir das angehört: schwer überwältigend. So oder so ähnlich fühlt sich wahrscheinlich Gil in Midnight In Paris auch, als ihm Hemingway über den Weg läuft.

Go John!

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