Nun war es soweit die Segel zu streichen und Seattle zu verlassen. Die Zeichen standen schon ein paar Tagen auf Abschied – nicht nur bei mir. Kommt das Ende des Spring Quarters kommen die Graduates in schwarzen Roben und geometrischen Kopfbedeckungen. Sie schwärmen über den Campus und lassen sich in allerlei Pose und Motiv ablichten. Ich habe keine solche Kleider und muss wohl auch noch ein bisschen darauf warten. Ich war aber auch sehr froh, meine letzte Prüfung an der UW abzulegen, um dann befreit und frisch einen letzten Spaziergang über den Campus zu machen.

Vor drei Tagen dann bin ich mit gepackten Sachen zum Flughafen. Rechtzeitig wir mir schien. Die Fahrt dauerte zwar länger als üblich, Zeit war aber genug. Bis ich dann nach einer hundert Meter langen Schlange an einen Officer gelang, der mir zu Verstehen gab, dass mein Boardingpass nicht amtlich sei und er mich nicht durch den Sicherheitscheck lassen könnte. Also musste ich zurück, eine neue Boardkarte ausdrucken lassen, 15 Minuten vor Abflug. Von meinem Stresslevel an diesem Punkt will ich nicht berichten. Soviel aber sei gesagt: Ich war sehr gestresst. Ich hastete vorbei an der Schlange wartender Passagiere und rann, rann, rann. Bis ich dann im Flieger stand, verschwitzt, Gürtel in der einen Hand, Pass in der anderen, zwei Minuten bevor das Gate zu gemacht wurde: “I ran!”

In San Diego ist es sehr warm. Und sehr schön. Der Pazifik zieht sich hier an weiten und sauberen Stränden entlang. Leute surfen, Wellen rollen, Robben sonnen sich auf Felsen. Fasziniert bin ich aber auch von einem architektonischen Highlight: Lou Khans Salk Institute. Ein Ort, der nach dem Ganzen greift. Er ist in klaren Formen gehalten und bereitet er die Bühne für ein wahres Lichtschauspiel, in dem sich Hell und Dunkel, Tag und Nacht in viele Formen werfen.

Jeder kennt das. Zeit kann mitunter wie im Fluge vergehen. Ohne das man es merkt, vergehen die Tage. Aus den Tagen werden Wochen, aus den Wochen, Monate. Jeder kennt das Gefühl, aufzuwachen und sich zu wundern, wo die ganze Zeit hin ist. So stand auch ich neulich da, in der einen Hand Kaffee, in der anderen flüchtige Haare. Ich sah sicherlich leicht bedeppert aus, wie ich so  dastand, fragend, verwirrt und wunderlich in die Ferne starrend und mir unablässig durch die Haare fuhr. Wo ist nur all die Zeit hin?

Jetzt ist die Seattle-Zeit auch so gut wie rum. Drei Wochen Uni noch, eine Hausarbeit, eine Klausur und dann ist Schluss. Ist wohl auch gut so. Ich gehöre nicht zu der Sorte, die sich an irgendetwas klammern wollen. Wenn die Zeit gekommen ist um Abschied zu nehmen ist das gut so. Das ist nicht immer einfach, wohl aber der Lauf der Dinge, der Fluss der Zeit sozusagen. Dieser Abschiedsprozess ist hier auch schon allmählich angelaufen. Deshalb kommt mir auch nur noch wenig berichtenswert vor: Ich dissoziiere mich von Sachen und Leuten hier, beginne meine Große Ehrenrunde durch die Stadt, besuche meine Lieblingsecken, Läden, Parks &c. Und auf B freu ich mich auch schon riesig, wenn es dann soweit ist im August.

Zeit ist merkwürdig, völlig willkürlich wie ich finde. Ich kenne die Welt immer nur in einer Gegenwart. Ich weiß nicht, wie das bei euch so ist, aber Zukunft und Vergangenheit sind ja völlig imaginäre Sachen. Großer Kontrast: erlebte Gegenwart und erdachtes Zeitkontinuum. Es lohnt sich wohl darüber nachzudenken. Soviel Zeit muss sein.

Die Oberflächlichkeit genießt einen schlechten Ruf. Eine oberflächliche Betrachtung ist eine  unzureichende Betrachtung. Geschätzt wird der Inhalt, das Wesen, die Tiefe. Danach streben wir: Substanz. Wo mehr Schein als Sein ist, da ist Leere, Flachheit und Einfalt. Da ist Imitation und Unwirklichkeit, denn der Schein verblendet und versteckt das Tatsächliche.

Aber der Schein zeigt auch. Mit ihm zeigen wir. Schein wird gezeigt. Er ist Träger eines Stils, unseres Stils. Unser Schein, unsere Erscheinung sind ein Mittel zur Kommunikation mit unser Umwelt. Und zwar mit jener Umwelt, in der Tiefgang, Gehalt und Fülle keinen Platz haben. In dieser schnell entschwindenden, konstant inkonstanten sozialen Welt des Vorbeigehens, des Sehens und Gesehen-Werdens ist unser scheinende Stil eine Aussage über unseren Standpunkt im sozialen Koordinatensystem. Er ist eine erklärte Identifikation.

Nun unterliegt diese erklärte Identifikation harten Grenzen. Der konstruierte Stil kann sich nur aus den Vorgaben des bereitgestellten Vokabulars bedienen. So ziemlich jede Marke wirbt mit der Individualität ihrer Träger, die diese natürlich nur durch das Tragen derselben erhalten. Selbstverständlich könnte die Sache nicht entgegengesetzter sein. Wer ernsthaft meint, sich mit Marken Individualität erkaufen zu können verfehlt. Gleichzeitig ist unser Empfinden für gut, zeitgemäß und schön eher ein Produkt von allerlei Medien als von unserer eigenen Natur. Unser Stil ist demnach immer Imitation.

Aber es steckt noch mehr dahinter, oder viel eher darinnen. Stil ist oder kann auch ein Spiel sein. Und zwar das Spiel mit den Klischees und Erwartungen. Denn jeder Schein wird mit einem gewissen Sein verbunden. So erwartet man je nach Erscheinung einer Person gewisse Vorlieben in Sachen Musik, Essen, Hobbies, politischen Programmen usw. Der Schein gilt also für uns als Zugang zu, und als erste Züge von etwas Wesentlichem; die Spitze des Eisberges sozusagen. Das Spiel mit diesen erwarteten Wesen ist vor allem ein Spiel mit uns selbst, unserem Selbstbild (und dem Bild das Bekannte, Freunde usw. von uns haben). Ob wir einen Schein generieren der mit diesem Selbstbild übereinstimmt oder eher kollidiert, liegt in unserer Gewalt. So wie es Schiller schon wusste, im Spielen finden wir unsere Freiheit.

Oberflächlichkeit ist Teil unserer Welt und alltäglichen Gegenwart. Doch noch weiter geht ihre Spur. Sie führt uns ins Herz der Ästhetik, der Frage nach Verhältnis zwischen Inhalt und Form. Schönheit ist weder eine Frage des Inhalts allein, noch wird sie allein durch Form bestimmt. Es ist die glückliche Zusammenführung dieser beiden Pole. Die Gewalt über unseren Schein erlaubt uns spielend neue Dimensionen unserer Schönheit sichtbar zu machen; vor uns selbst, vor denen die uns nahe stehen. Und schließlich sieht das doch einfach gut aus oder?

Lange war Stille. Dann war Schall. Jetzt bin ich; wieder hier.

Abwesend war ich, weil Springbreak war. Aber ich war nicht allein. Besuch aus Berlin stand an und aus San Diego. Es ergab sich ein Dreiergespann edler Gemüter und weiser Geister. Auf ging es nach Vancouver; im Zug an der Küste entlang. Der Tag hatte kurz erst begonnen und in der Ferne zogen weiß bedeckt die Olympic Mountains am Horizont entlang.

Vancouver ist eine feine Stadt. In Seattle beschrieb man sie mir als das New York der Westküste. Ganz unbegründet ist das nicht. Vancouver hat eine gewissen Weite und Größe. Unter den Hochhäusern der  Innenstadt erwachen vage Erinnerungen an Manhattan in mir. Ein bisschen anders ist es dann aber doch. New York scheint mehr distinktiven Charakter in seiner Erscheinung zu besitzen. Vancouver dann eher als Gesichtslose Stadt der Moderne; mit tollen Stränden.

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Dann Portland. Im letzten November war die Sache ja eher grau: regnerisch und kalt. Diesmal Sonne, Wärme und eine Stadt in feiner Frühlingsblüte. Wenig bleibt zu sagen. Es war befreiend, entspannend und sehr, sehr lustig. Portland mit seinem vielen Grün, Parks und Bars lädt zur Muße ein. Seit langem mal wieder in einer lauen sommerlichen Nacht ein Bier im Freien…

Wieder in Seattle schien immer noch die Sonne und das Quad erblühte:

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